Fachkräfte fehlen überall: in der Pflege, im Handwerk, in der IT, in der Gastronomie. Die Bundesregierung will deshalb die Einwanderung von Fachkräften aus Ländern außerhalb der EU deutlich erleichtern. Ende März hat das Bundeskabinett den Entwurf zur Weiterentwicklung der Fachkräfteeinwanderung beschlossen. Das Schlagwort, das seitdem überall auftaucht: die Chancenkarte. Was hinter dem neuen Fachkräfteeinwanderungsgesetz steckt, was die Chancenkarte ist und welche Rolle die deutsche Sprache spielt, erklären wir in diesem Überblick.
Wichtig vorab: Noch ist nichts beschlossen
Der Gesetzentwurf liegt jetzt beim Bundestag und Bundesrat. Im parlamentarischen Verfahren kann sich noch einiges ändern, und wann genau die neuen Regeln gelten, steht noch nicht fest. Alles, was wir hier beschreiben, ist der Stand des Regierungsentwurfs. Wer heute einen Antrag stellt, tut das nach dem geltenden Recht, also nach dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz, das seit März 2020 in Kraft ist.
Die drei Säulen des neuen Gesetzes
Die Bundesregierung beschreibt ihr Konzept mit drei Säulen. Vereinfacht gesagt:
| Säule | Für wen? | Was ist neu? |
|---|---|---|
| Fachkräftesäule | Menschen mit in Deutschland anerkanntem Abschluss | Erleichterungen bei der Blauen Karte EU, mehr Flexibilität bei der Wahl der Tätigkeit |
| Erfahrungssäule | Menschen mit Berufserfahrung und einem im Herkunftsland staatlich anerkannten Abschluss | Einreise zur Beschäftigung auch ohne vorherige Anerkennung in Deutschland, unter bestimmten Bedingungen |
| Potenzialsäule | Menschen mit guten Voraussetzungen, aber noch ohne Jobangebot | Die Chancenkarte zur Arbeitsplatzsuche mit Punktesystem |
Was ist die Chancenkarte?
Die Chancenkarte soll es Menschen ermöglichen, für eine begrenzte Zeit nach Deutschland zu kommen, um sich hier eine Arbeit zu suchen. Nach dem Entwurf soll sie für bis zu ein Jahr gelten. Wer schon eine voll anerkannte Qualifikation hat, soll sie ohne Weiteres bekommen können. Alle anderen müssen über ein Punktesystem genug Punkte sammeln.
Grundvoraussetzungen nach dem Entwurf sind unter anderem:
- ein Hochschulabschluss oder eine mindestens zweijährige Berufsausbildung, die im Herkunftsland staatlich anerkannt ist,
- Grundkenntnisse in Deutsch oder gute Englischkenntnisse,
- die Sicherung des Lebensunterhalts für die Zeit der Suche.
Punkte soll es unter anderem geben für:
- eine teilweise Anerkennung der Qualifikation in Deutschland,
- Berufserfahrung,
- Deutschkenntnisse (je höher das Niveau, desto mehr Punkte) und Englischkenntnisse,
- das Alter,
- frühere Aufenthalte in Deutschland,
- einen Ehe- oder Lebenspartner, der ebenfalls die Voraussetzungen erfüllt.
Während der Suche soll eine Nebenbeschäftigung in begrenztem Umfang erlaubt sein, außerdem Probearbeit bei möglichen Arbeitgebern. Das ist für beide Seiten interessant: Bewerber können einen Betrieb kennenlernen, Betriebe können sehen, ob es passt.
Und die anderen Neuerungen?
Die Chancenkarte bekommt die meiste Aufmerksamkeit, ist aber nur ein Teil des Pakets. Der Entwurf setzt auch die überarbeitete EU-Richtlinie zur Blauen Karte um. Vorgesehen sind niedrigere Gehaltsschwellen, und IT-Fachleute sollen die Blaue Karte unter bestimmten Voraussetzungen auch ohne Hochschulabschluss bekommen können, wenn sie entsprechende Berufserfahrung nachweisen. Für Fachkräfte mit anerkanntem Abschluss soll außerdem die starre Bindung an eine Tätigkeit genau im erlernten Beruf gelockert werden. Und die sogenannte Westbalkanregelung, über die Menschen aus den Staaten des westlichen Balkans mit einem Arbeitsplatzangebot einreisen können, soll dauerhaft gelten und ausgeweitet werden.
Ein Beispiel zur Veranschaulichung
Nehmen wir eine Elektronikerin aus einem Land außerhalb der EU, mit staatlich anerkannter Ausbildung, einigen Jahren Berufserfahrung und Deutschkenntnissen auf B1. Heute müsste sie in aller Regel zuerst die Anerkennung ihres Abschlusses betreiben und ein konkretes Jobangebot haben. Mit der Chancenkarte könnte sie nach dem Entwurf einreisen, sich bei Betrieben vorstellen, zur Probe arbeiten und sich nebenher mit einem Teilzeitjob über Wasser halten. Ihre Deutschkenntnisse bringen ihr dabei Punkte und machen sie für Arbeitgeber deutlich attraktiver.
Warum Deutschkenntnisse so wichtig bleiben
Auf den ersten Blick wirkt es so, als würde die Sprache unwichtiger, wenn auch Englischkenntnisse reichen. In der Praxis ist es umgekehrt. Deutschkenntnisse bringen im Punktesystem zusätzliche Punkte, und spätestens im Arbeitsalltag entscheiden sie, ob jemand ankommt. In der Pflege, im Handwerk oder im Kundenkontakt geht es ohne Deutsch nicht. Auch für die Anerkennung vieler Berufe, etwa in Gesundheitsberufen, werden bestimmte Sprachniveaus verlangt.
Wer sich mit der Chancenkarte beschäftigt, sollte deshalb früh in Deutsch investieren und seine Kenntnisse mit einem anerkannten Zertifikat nachweisen. Ein Sprachniveau „nach eigener Einschätzung“ hilft bei Behörden und Arbeitgebern wenig.
Die Sprachniveaus kurz erklärt
- A1/A2: Grundkenntnisse, einfache Alltagssituationen
- B1: selbstständige Verständigung im Alltag und in vertrauten beruflichen Situationen
- B2: sicher im Beruf, auch bei Fachgesprächen
- C1/C2: sehr gute bis nahezu muttersprachliche Kenntnisse
Was Arbeitgeber schon jetzt tun können
Auch wenn das Gesetz noch nicht gilt, lohnt es sich für Betriebe, das Thema vorzubereiten:
- Bedarf klären: Für welche Stellen kommen Fachkräfte aus dem Ausland realistisch infrage?
- Bestehende Wege nutzen: Schon heute gibt es zum Beispiel das beschleunigte Fachkräfteverfahren über die Ausländerbehörde.
- Sprachförderung einplanen: Deutschkurse und Prüfungen gehören in jedes Einarbeitungskonzept.
- Willkommenskultur: Wohnungssuche, Behördengänge, Kollegen als Paten. Wer sich wohlfühlt, bleibt.
Häufige Fragen
Kann man die Chancenkarte schon beantragen? Nein. Erst wenn das Gesetz verabschiedet und in Kraft ist.
Welches Deutschzertifikat zählt? Die Details regelt das Gesetz bzw. die Praxis der Behörden. Auf der sicheren Seite ist man mit Zertifikaten anerkannter Prüfungsanbieter wie telc, die auf dem europäischen Referenzrahmen beruhen.
Unser Fazit
Die Chancenkarte ist ein spannender Ansatz, weil sie die Jobsuche vor Ort ermöglicht. Für den Erfolg wird aber auch hier die Sprache entscheiden. Wir verfolgen das Gesetzgebungsverfahren und berichten, sobald feststeht, was wirklich gilt.
Wir helfen Ihnen gerne
Sie oder Ihre künftigen Mitarbeiter brauchen einen anerkannten Nachweis der Deutschkenntnisse? Die VAkademie ist telc-Prüfungszentrum in Mainz und bietet Deutschprüfungen von A1 bis C2 an, auch speziell für die Pflege. Rufen Sie uns an: 06131 144928-0.
Herzliche Grüße aus Mainz




