ISO 9001 und Klimawandel: Die neue Anforderung erklärt


„Müssen wir jetzt eine Klimabilanz für das Audit vorlegen?“ Diese Frage hören wir seit dem Frühjahr regelmäßig. Hintergrund ist eine kleine, aber viel diskutierte Ergänzung: Im Februar 2024 haben ISO und das International Accreditation Forum (IAF) bekannt gegeben, dass die ISO 9001 und weitere Managementsystemnormen um einen Satz zum Klimawandel ergänzt werden. Was die neue Anforderung zu ISO 9001 und Klimawandel bedeutet, wie Auditoren damit umgehen und warum Sie keine Panik bekommen müssen, erklären wir hier.

Was genau hat sich geändert?

Die Änderung, offiziell ein Amendment zur ISO 9001:2015, betrifft zwei Abschnitte im Kapitel 4 „Kontext der Organisation“:

  • Abschnitt 4.1 (Verstehen der Organisation und ihres Kontextes): Ergänzt wurde der Satz, dass die Organisation bestimmen muss, ob der Klimawandel ein relevantes Thema ist.
  • Abschnitt 4.2 (Erfordernisse und Erwartungen interessierter Parteien): Eine Anmerkung stellt klar, dass relevante interessierte Parteien Anforderungen in Bezug auf den Klimawandel haben können.

Das ist alles. Es gibt keine neuen Kapitel, keine Pflicht zu einer CO₂-Bilanz und keine Vorgaben für Klimaziele. Die gleiche Ergänzung wurde in zahlreichen weiteren ISO-Managementsystemnormen vorgenommen, etwa in der ISO 14001 und der ISO 45001. Eine Übergangsfrist gibt es nicht. Zertifizierungsstellen prüfen den Punkt bereits in den laufenden Audits.

Die Anforderung zu ISO 9001 und Klimawandel richtig verstehen

Das Schlüsselwort lautet „ob“. Die Norm verlangt nicht, dass der Klimawandel für jedes Unternehmen relevant ist. Sie verlangt, dass Sie sich bewusst damit auseinandersetzen und eine begründete Entscheidung treffen. Für ein Ingenieurbüro sieht das Ergebnis anders aus als für einen Lebensmittelhersteller oder ein Logistikunternehmen.

Dabei geht es in der ISO 9001 vor allem um die Frage: Kann der Klimawandel Ihre Fähigkeit beeinflussen, Produkte und Dienstleistungen in der geforderten Qualität zu liefern? Das ist ein anderer Blickwinkel als im Umweltmanagement, wo es um die Auswirkungen des Unternehmens auf die Umwelt geht.

Mögliche Berührungspunkte

Bereich Beispielhafte Fragen
Lieferkette Sind Rohstoffe oder Vorprodukte von Dürre, Hochwasser oder Ernteausfällen betroffen?
Standort und Infrastruktur Liegt der Betrieb in einem Gebiet mit Hochwasser- oder Starkregenrisiko? Wie wirkt sich Hitze auf Lager, Maschinen und Serverraum aus?
Mitarbeitende Gibt es Arbeitsplätze, an denen Hitze ein Problem für Gesundheit und Leistung ist?
Kunden Fordern Kunden Angaben zu Emissionen, Nachhaltigkeit oder Klimarisiken?
Rechtliche Rahmenbedingungen Kommen neue Berichts- oder Energiepflichten auf Ihre Kunden oder Sie selbst zu?
Markt Ändert sich die Nachfrage nach Ihren Produkten durch Klimaschutz oder Klimafolgen?

So setzen Sie die Anforderung schlank um

Die meisten Unternehmen haben die Themen aus 4.1 und 4.2 bereits irgendwo dokumentiert, etwa in einer Kontextanalyse, einer SWOT-Übersicht oder einer Tabelle der interessierten Parteien. Genau dort gehört der Klimawandel hin. In vier Schritten:

  1. Bewerten: Gehen Sie die Fragen aus der Tabelle oben durch und notieren Sie, wo es Berührungspunkte gibt.
  2. Entscheiden: Halten Sie fest, ob der Klimawandel für Ihr Unternehmen ein relevantes Thema ist, und begründen Sie das kurz.
  3. Interessierte Parteien ergänzen: Haben Kunden, Behörden, Banken oder Versicherungen Anforderungen dazu? Dann in die Übersicht aufnehmen.
  4. Verknüpfen: Wenn das Thema relevant ist, fließt es wie jedes andere in die Betrachtung von Risiken und Chancen nach Abschnitt 6.1 ein, inklusive Maßnahmen, wo nötig.

Für viele kleine Dienstleister ist das Ergebnis eine halbe Seite. Das ist völlig in Ordnung, solange die Bewertung nachvollziehbar ist.

Ein Beispiel aus der Praxis

Nehmen wir einen Handwerksbetrieb mit zwölf Beschäftigten, der Fenster montiert. Die Bewertung könnte so aussehen: Hitze auf Baustellen betrifft die Mitarbeitenden, daher Anpassung der Arbeitszeiten im Sommer und Sonnenschutz. Starkregen kann Termine verschieben, daher Pufferzeiten in der Planung. Kunden fragen zunehmend nach energieeffizienten Lösungen, das ist eine Chance für die Beratung. Ergebnis: Der Klimawandel ist relevant, drei Punkte fließen in die Risiko- und Chancenbewertung ein. Mehr braucht es nicht.

Was Auditoren sehen wollen

Im Audit wird in der Regel nicht nach einem eigenen Klimakonzept gefragt, sondern danach, ob Sie die Frage überhaupt gestellt haben. Typische Auditfragen lauten:

  • Haben Sie bewertet, ob der Klimawandel für Ihre Organisation relevant ist?
  • Wo ist diese Bewertung dokumentiert?
  • Welche interessierten Parteien haben Anforderungen in diesem Zusammenhang?
  • Falls relevant: Welche Risiken und Chancen haben Sie abgeleitet und welche Maßnahmen geplant?

Problematisch wird es nur, wenn das Thema gar nicht auftaucht oder wenn ein offensichtlich betroffenes Unternehmen pauschal „nicht relevant“ einträgt.

Kein Grund für Panik, aber eine Chance

Ehrlich gesagt: Der Aufwand ist überschaubar. Trotzdem lohnt es sich, die Frage ernst zu nehmen. Viele Betriebe haben in den Hitzesommern der letzten Jahre gemerkt, dass ein ungekühltes Lager oder ein überhitzter Serverraum ganz direkt die Qualität beeinflusst. Und immer mehr große Kunden fragen bei Lieferanten nach, wie es um Nachhaltigkeit und Klimarisiken steht. Wer hier eine saubere Antwort parat hat, punktet nicht nur im Audit.

Übrigens: Parallel arbeitet das zuständige ISO-Gremium an einer grundlegenden Überarbeitung der ISO 9001. Bis eine neue Ausgabe erscheint, wird es aber noch dauern. Die jetzt eingefügte Klimaanforderung wird dabei aller Voraussicht nach erhalten bleiben.

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Herzliche Grüße aus Mainz

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